Montag, 10. November 2014

... und dann kam die Gänsehaut

Die am häufigsten gestellte Frage in den letzten Tagen war wohl diese: 

Wo warst Du am 09. November 1989?



Tja, wo war ich? Ich war zuhause, vor dem Fernseher bis spät in die Nacht... 17 Jahre alt und voller Gefühl... Freude, Glück, aber auch Angst, dass es gar nicht wirklich stimmt... und Wut... weil selten vorher so präsent für mich gewesen war, was es wirklich bedeutete, hinter Mauern zu leben... weil es kein Geschichts-/Politikbuch der Welt so vermitteln konnte... weil ich eben erst jetzt miterleben konnte (wenn auch nur vor dem Fernseher), wie unendlich froh die Menschen waren, DA raus zu kommen.

Natürlich wurde schon in den Tagen und Wochen zuvor regelmäßig verfolgt, welche Bewegungen es gab, wir sprachen zuhause darüber, wir sprachen in der Schule darüber, wir sprachen im Freundeskreis darüber, ganz präsent war natürlich auch Genschers Balkon-Ansprache in Prag vom 30.09. 1989:
"Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise... "
Mehr konnte man ja nicht mehr verstehen, das ging im Jubelgeschrei der Leute unter... Gänsehaut pur... bis heute.

Duisburg war zu weit weg, um damals nach Berlin zu fahren und dabei zu sein... außerdem hätten meine Eltern mir wohl auch was anderes erzählt... aber wenigstens vor dem TV war ich "live" dabei... und ich weiß noch genau, dass ich viel geweint habe, weil das eben alles so aufwühlend war.

***

Im Herbst '89 war ich unserer Schul-Tanz-AG beigetreten und wir suchten nach Inhalten für ein neues Stück. Schon in der ersten Probe nach dem 9. November war klar, was wir machen würden.
"Im Rhythmus der Zeit" sollte die deutsche Geschichte von 1945 bis zum Mauerfall erzählen, die westdeutsche Geschichte... die, die für uns "Wessis" eben greifbarer war, weil Oma davon erzählen konnte, weil Mama und Papa sich an vieles erinnerten, weil wir sogar selbst manches davon erlebt hatten.
Wir tanzten Trümmerfrauen, wir tanzten Wirtschaftswunder und Rock'n'Roll, wir ließen die Haare zu "Hair" schwingen und "didn't need NO education"... aber die tollste Szene war bei jeder Probe und später auch jeder Aufführung die, bei der wir die riesige Mauer aus grau angemalten und mit Graffiti besprühten Umzugskartons von hinten durchbrachen, eingeleitet vom laut eingespielten Zitat Genschers:"...dass heute Ihre Ausreise..."
Natürlich passte das geschichtlich nicht so ganz genau übereinander... und natürlich werden jetzt auch einige denken "Toll... Umzugskartons... " aber für mich war es jedesmal der Wahnsinn... ich habe diese Kartons durch die Gegend getreten und weggepfeffert und dabei geheult und es tat gut, zu wissen, dass diese Scheiße jetzt vorbei war... dass es GESCHICHTE war...

... und dass es wohl doch ganz gut rübergekommen ist, was wir da damals gemacht haben, zeigt die Tatsache, dass wir unser Stück im Frühjahr 1991 in Erfurt aufführen durften und auch dort "standing ovations" bekamen... und ich kann Euch sagen, DAS war das beste Gefühl von allen...

***


Vor einigen Monaten waren wir mit der family in Berlin. Seit meinem letzten Besuch dort im Mai 1990 (genau am Wochenende vor der Uraufführung von "Im Rhythmus der Zeit") hatte sich so unendlich viel verändert, dass ich fast nichts wiedererkannt habe.
Und wir haben auch gemerkt, wie schwierig es war, den Kids zu vermitteln, was da noch 25 Jahre zuvor abgegangen war... für sie ist es noch viel weniger greifbar als für uns... in ihren Köpfen ist Deutschland eben nie geteilt gewesen... und das ist auch gut so!

***

Eigentlich hatte ich gar nicht vor, etwas zum Thema "25 Jahre Mauerfall" zu veröffentlichen, schließlich war ich weder live dabei noch direkt persönlich betroffen... keine Verwandten im der Ostzone, kein unmittelbarer Bezug... aber als ich eben Nics Beitrag gelesen habe, hatte ich sofort alles im Kopf... und dann musste es eben auch raus... danke für die Inspiration, Nic :-*

Aus Nics Post weiß ich auch, dass es bei "blickgewinkelt" eine Blogparade zum Thema gibt... und auch, wenn ich erst heute etwas dazu geschrieben habe... vielleicht habe ich auch die gestrigen Eindrücke, die Gänsehaut, Tränen im Augenwinkel und Klöße im Hals noch gebraucht... verlinke ich meinen Beitrag gerne bei Inka.




1 Kommentar:

  1. Danke fürs Teilen Deiner Gedanken.
    Ich finde es auch schwierig meinen Kindern das Konzept geteiltes Deutschland zu erklären. Wahrscheinlich weil es so sinnfrei ist.

    Liebe Grüße
    Suse

    AntwortenLöschen

Vielen Dank für Deinen Kommentar!